Das, was ein Künstler mit seinem Ableben in die Selbständigkeit entlässt, beginnt erst dann an zu funktionieren, wenn es einer entsprechenden Sensibilität begegnet

Zbigniew Dłubak (1978)

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind in Polen Künstlergruppen in Erscheinung getreten, die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Fotografie aufschlussreiche Fragen u.a. bzgl. der Natur und des Wesens dieses Mediums formulierten.

Eine Reflexion über Fotografie und die genaue Analyse der Resultate bildeten für die beiden Gründer der „Galeria 2“ in Kattowitz, Ir Kulik und Richard Tabaka, den Schwerpunkt der Überlegungen und ihrer künstlerischen Aktionen. Die dort von mehreren Künstlern organisierte Ausstellung und das Symposium „Grenzzustände der Fotografie“ waren ein wesentlicher Bestandteil der vielschichtigen Aktionen, die nach der Gründung der Breslauer Gruppe „Seminar Foto-Medium-Art“ ins Leben gerufen wurden.

Im Rahmen dieses Seminars wurden Kulik und Tabaka später auch mit den Ergebnissen der „Forschungsarbeit“ von Les Szurkowski konfrontiert. Sein Hauptinteresse galt in dieser Zeit der Erkundung der Möglichkeiten und Grenzen der Fotografie.

Teilnehmer des Seminars versuchten sowohl mit Hilfe von künstlerischen Methoden und Instrumenten als auch unter Verwendung von wissenschaftlichen Methoden und Prozeduren die Grundelemente des fotografischen Bildes zu untersuchen. Im Gegensatz zu anderen konzeptuellen und postkonzeptuellen Ansätzen galt aber das Hauptinteresse dieser Gruppe der technologischen Bildanalyse sowie der Bildperzeption durch den Empfänger._D2X5994

Der Ausstellungstitel „Incidental & Accidental; Zwischen Determination und Zufall“ ist eine Anspielung auf die „Forschungen“ und die Untersuchungen zum Wesen des fotografischen Bildes und der Möglichkeit seiner Wahrnehmung, die in den siebziger Jahren von den hier bereits erwähnten Künstlern durchgeführt wurden. Die damals gestellten Fragen und Antwortversuche verlangten für die Analyse der erhaltenen Ergebnisse den Gebrauch para-wissenschaftlicher und deterministischer Prozeduren unter laborartigen Bedingungen. Besonders sichtbar ist das bei folgenden Arbeiten: Kulik „Bruchlandschaft“, Tabaka „Außerhalb der Form“ und Szurkowski „Penetration“.
Andererseits zeugen die Resultate der letzten, von diesen Künstlern in Australien, Kanada  und Deutschland verbrachten Jahre, vom bewussten Sich-Verlassen auf eine „Präparierung des Zufalls“.

So provozieren die Bilder von Tabaka („The Indigenous Land“) durch ihre offensichtliche Lesbarkeit mit der gleichzeitigen Referenz von Malerei und Fotografie den Empfänger zu vielschichtigen und zufälligen Assoziationen

In den Arbeiten von Szurkowski („Accidental Street Graphics“) erscheint die Zufälligkeit vor allem in der Auswahl der Fotofragmente, aus denen die Bilder „montiert“ werden.

So provozieren die Bilder von Tabaka („The Indigenous Land“) durch ihre offensichtliche Lesbarkeit mit der gleichzeitigen Referenz von Malerei und Fotografie den Empfänger zu vielschichtigen und zufälligen Assoziationen

In den Arbeiten von Szurkowski („Accidental Street Graphics“) erscheint die Zufälligkeit vor allem in der Auswahl der Fotofragmente, aus denen die Bilder „montiert“ werden. Dieser „kompositorische Prozess“ legt den Schwerpunkt auf die technische Verbindung von unterschiedlichen Bildelementen, ohne ihre visuellen Referenzen hervorzuheben, die erst nach deren „Montage“ koloristisch und manchmal auch thematisch eine autonome Einheit bilden.

Auch die in dieser Zeit entstandenen - und in dieser Ausstellung leider nicht präsentierte Fotobilder - von Kulik (z.B. „Asymptote“) sind wie Echos der früheren Recherchen nach der Relation zwischen der Realität und der mit Hilfe der Fotografie abgebildeten Realität. Daneben aber („Koloryt polski“) wird die technische Transformation einer zufälligen, fotografischen Registrierung eines Happenings aus dem Jahr 1972 präsentiert, an dem die damals junge Kunstwelt aktiv teilgenommen hatte.

PORTO-•-CATALOGUE-#-LS-1547-12-•-2012Der Übergang von der analogen zur digitalen Fotografie war und ist, wie übrigens für alle Nutzer dieses Mediums, ein durchbrechendes Ereignis. Eines der Ziele der bevorstehenden Ausstellung ist es zu demonstrieren, wie „bewegen“ sich diese Künstler unter den technologisch so veränderten Bedingungen und wie verändert sich die Option der Nutzung dieses Mediums im Rahmen seiner neuen Möglichkeiten.

Dieses Projekt beinhaltet, bzgl. eines Ausschnitts der Geschichte der polnischen, modernen Kunst, ebenfalls einen historischen Aspekt; alle drei der hier erwähnten Künstler unterbrachen durch ihre Ausreise in die Emigration 1981 ihre Arbeit bei der Gruppe „Seminar Foto-Medium-Art“. Jeder setzte für sich alleine in unterschiedlicher Art und Weise seine eigenen Untersuchungen und Überlegungen und seine künstlerische Arbeit in einem völlig anderem kulturellen und beruflichen Kontext fort: Ir Kulik in Deutschland, Les Szurkowski in Kanada und Richard Tabak in Australien.
Die beiden hier präsentierten Künstler (Les Szurkowski und Richard Tabaka) haben sich, charakteristisch für jeden einzelnen, bei der Adaption an die neue Umgebung einen neuen Wirkungsraum erschaffen, in dem sie ununterbrochen weiter die Möglichkeiten und Grenzen der Fotografie in der Modernen Kunst erkundeten und weiterhin erkunden.

Die Ausstellung wird versuchen, die Ergebnisse dieser Untersuchungen und Experimente vorzustellen und eine Diskussion darüber zu initiieren.

 

Jacek M. Piechucki

 

Folgende Veröffentlichungen wurden verwendet

Zbigniew Dłubak, Teoria Sztuki Zbigniewa Dłubaka, Warszawa 2013
Vilem Flusser, Für eine Philosophie der Fotografie, Göttingen 1983
Michał Jakubowicz, Medium na białym tle, Warszawa 2008
Marika Kuźmicz, Konceptualizm. Medium fotograficzne, Łódź 2010
Aleksandra Łukaszewicz Alcaraz, Epistemologiczna rola obrazu fotograficznego, Warszawa 2014
Jacek M. Piechucki, Czerń i Biel, Katowice 1979 (Katalogtext)  

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